Dating-App „Tinder“ erobert Deutschland


Tinder, die Dating-App

Tinder ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Dating-Apps. Bild: Tinder

Sie heißt „Tinder“ und verspricht unkomplizierte, schnelle Flirts am laufenden Band. Wie funktioniert die neue Wunder-App für Singles und was sagen Datenschützer und Flirt-Experten dazu?

„Tinder“ sucht nach neuen Personen in deiner Umgebung … warten. Das Kribbeln in der Magengrube verhält sich exponentiell zu der Länge des Suchvorgangs. Dann die erlösende Bestätigung – die Single-App hat es wieder einmal vollbracht: Ingo, 31 Jahre alt, 14 Kilometer entfernt. Moritz (28), 31 Kilometer entfernt. Cornelius (29), 21 Kilometer entfernt. Das Angebot ist überwältigend. Täglich neue potenzielle Flirtpartner aus der direkten Umgebung – „Tinder“ macht es möglich.

„Tinder“ ist die aktuell am schnellsten wachsende mobile Dating-App. In den USA gibt es sie seit September 2012, inzwischen wird die App 20.000 Mal pro Tag heruntergeladen. Auch in Skandinavien und England ist die Flirt-App nicht mehr wegzudenken. Jetzt ist „Tinder“ in Deutschland angekommen.

Genialer Kniff

Das Prinzip ist simpel: Die Anwendung loggt sich über das soziale Netzwerk Facebook ein und greift dann auf alle relevanten Facebook-Daten sowie den geografischen Standort zu. Basierend auf diesen Daten (Interessen, Freundeslisten) sucht „Tinder“ dann andere Nutzer im Umkreis. Die potenziellen Flirt-Partner werden mit Facebook-Profilfoto, Alter und gemeinsamen Interessen angezeigt.

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Nun folgt die Entscheidungsphase. Die vorgeschlagenen Kontakte können entweder durch ein rotes Kreuz („nope“) entfernt oder durch ein grünes Herz („like“) bestätigt werden. Wem das zu anstrengend ist, der kann seine Entscheidungen auch per Wischen treffen. Nach rechts bedeutet, man will die Person auf dem Foto näher kennenlernen, ein Wisch nach links hingegen und die Person verschwindet in der Versenkung.

An dieser Stelle haben die Macher von „Tinder“ einen genialen Kniff eingebaut. Denn der vorgeschlagene Kontakt erfährt nicht, wofür sich das Gegenüber entschieden hat. Erst bei gegenseitigem Interesse (grünes Herz), erscheint die Nachricht „It’s a match“ und die Option für einen privaten Chat wird geöffnet. Anders herum formuliert: Bei „Tinder“ kann fröhlich „bewertet“ werden, ohne dabei eine unangenehme Zurückweisung befürchten zu müssen. Eine App, die das Selbstbewusstsein streichelt.

Neu ist das Prinzip von „Tinder“ nicht. Ihren Ursprung haben die Dating-Apps in der Schwulenszene. Die nach eigenen Angaben weltweit erfolgreichste App in der Szene heißt „Grindr“ (drei Millionen Nutzer) und wurde im März 2009 in Amerika veröffentlicht. In den vergangenen Monaten kamen weitere mobile Dating-Dienste wie „Badoo“, „Skout“, „Blendr“ oder „SinglesAroundMe“ hinzu. Der Reiz im Vergleich zu traditionellen Dating-Portalen: Anstatt in riesigen Datenbanken den Traumpartner zu suchen, scannen mobile Flirter das unmittelbare Umfeld.

Ohne mobiles Internet geht es nicht mehr

Der Flirt-Experte und Autor Phillip von Senftleben verfolgt diese Entwicklung äußerst skeptisch. Seiner Meinung nach hat sich das Kennenlernen zwischen Mann und Frau durch das Internet bereits stark verändert: „Da der physisch-persönliche Kontakt ausbleibt, entsteht ein Schutzschild. Diese Anonymität mindert zwar die Gefahr von Abweisung und seelischer Verletzung, verleitet aber gleichzeitig zu Lügen, Übertreiben und Fälschen“, erläutert von Senftleben. Dabei entstehe eine Mentalität, die dem Flirten das romantisch Spielerische raube.

Auch die Tatsache, dass beim Online-Dating der Flirt nur auf der optisch-verbalen Ebene stattfinde sei problematisch. „Tragende Aspekte wie Akustik und Mimik werden schlicht ausgeklammert.“ Der Berufsflirter ist sich sicher – Dating-Apps schaden: „Solche Produkte machen das Flirten und die Liebe noch mehr zu einem Produkt, als das die Werbung und die Medien bereits tun. Jede Emotion wird gegengerechnet, wenn einem Teilnehmer etwas nicht passt, klickt er seinen Flirtpartner einfach weg. Liebe, Flirten und Emotionen werden austauschbar wie Schokoriegel. Langfristig kann das ein echtes soziales Problem werden.“

Fakt ist jedoch, dass die mobile Internetnutzung nicht mehr wegzudenken ist. Das bestätigt auch das Politik- und Sozialforschungsinstitut Forsa. Im Mai 2013 lag der Anteil der mobilen Internetnutzer bei 45 Prozent (1000 Befragte ab 14 Jahre). Inzwischen könne eine Nutzungsrate von über 50 Prozent angenommen werden. Den Nachrichten-Dienst „Whatsapp“ nutzen in Deutschland 30 Millionen Menschen, Facebook verbuchte im September 2013 bundesweit 25 Millionen Nutzer. Doch der mobile Internetnutzer ist transparent. Ständig gibt er Daten im Netz von sich preis. Das birgt Gefahren. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Kriminelle 16 Millionen E-Mail-Adressen und Passwörter von deutschen Internetnutzern gestohlen haben. Und auch die sozialen Netzwerke landen durch Sicherheitspannen regelmäßig in den Negativschlagzeilen. Wie sicher kann vor diesem Hintergrund eine App sein, die Daten über Facebook bezieht?

Risiko durch Ortungsdienst

Nach Untersuchungen der Landesanstalt für Medien NRW unterschätzen besonders Jugendliche die Reichweite, Dynamik und die Nachhaltigkeit von in sozialen Netzwerken eingestellten Informationen. Spannend sei hierbei die Frage, ob mit den heutigen Jugendlichen eine Generation heranwächst, die auch langfristig den Wert persönlicher Daten niedriger einschätzt als die Generation ihrer Eltern. Im Bezug auf eine App wie „Tinder“ sind sich die Medienexperten einig: Gerade für Jugendliche ist eine solche App problematisch, da nur schwer abgeschätzt werden kann, welche Person sich real hinter einem Profil verbirgt. Ein zusätzliches Risiko entstehe durch den Ortungsdienst: „Erwachsene Nutzer könnten sich als Jugendliche ausgeben und gezielt nach jüngeren Mädchen suchen, um mit diesen in Kontakt zu treten“, warnt Martin Müsgens, Referent der Landesanstalt für die EU-Initiative „klicksafe“.

In einer Gesellschaft, die sich an Datenspionage und gläserne Internetnutzer bereits gewöhnt hat, wird sich „Tinder“ trotz der Gefahren weiter ausbreiten. Zu verlockend ist das Angebot. Etwa 60 Prozent der „Tinder“-Nutzer geben an, dass sie sich täglich einloggen – viele sogar fünf bis sechs mal pro Tag. „Tinder“ ist ein amüsanter Zeitvertreib, wer jedoch die große Liebe sucht, wird um den ein oder anderen Besuch in der realen Welt nicht herumkommen.

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